Konversation 1

Sprache sehen

Akribisch nach einem inneren Bezugssystem angeordnete, kleinformatige Bilder mit abstrakter Malerei hängen an der Wand und erobern, auf Styrodur-Platten aufgebracht, den Raum. Sie hängen, liegen, stehen und bilden so ein dreidimensionales Gefüge, das der Betrachter „betreten“ kann. Manche von Ihnen sind Originale, andere gescannte Drucke. In einer Ecke lehnt ein Monitor, auf dem im Wechsel die Bilder auftauchen, die auch an der Wand zu sehen sind – als Anhänge eines Emailverkehrs, der zwischen dem Künstler und einem professionellen Vorkasse-Betrüger stattfand. Die Chronologie des Mailverkehrs bestimmt, so erkennt man jetzt, die Hängung der Werke.

Die Arbeit „Konversation I“ ist Abbild eines Kommunikationsaktes und gleichzeitig ein Bild grundlegender semantischer Probleme. Wir alle werden immer wieder mit Missverständnissen konfrontiert, mit Bedeutungsverschiedenheiten und -verschiebungen, die nicht zuletzt kulturell geprägt sind. Dazu kommen Übersetzungsfehler, die daraus resultieren, dass schon die Wörter an sich stets nur Abstraktionen von Dingen sind und sich selten durch Genauigkeit auszeichnen. Wenn ich von einem Baum spreche, so kann jeder Baum gemeint sein, ob nun Tanne, Kiefer, Eiche, Ahorn oder Birke. Das Gegenüber macht sich immer eine eigene Vorstellung dessen, was ich sage und interpretiert, was ich meine. Allein der Kontext ist ausschlaggebend dafür, in welche Richtung diese Interpretation gehen wird.

Der Kontext von Lorenz Goldsteins konzeptueller Arbeit „Konversation I“ ist eine Anzeige auf einem Online-Immobilienportal, in welcher ein Thomas Fagerberg eine Wohnung zu einem erstaunlich günstigen, man möchte eher sagen unrealistischen, Preis anzubieten hat. Doch die Wohnung hat eine Geschichte: in der ersten Mail schreibt der vermeintliche Vermieter, dessen Alibi-Existenz so perfekt ist, dass sich online zu seinem Namen sogar ein Foto finden lässt welches ebenfalls Teil der Installation ist, er habe diese Wohnung für seinen Sohn gekauft. Dieser ist jetzt “wieder zuhause dauerhaft“. Und weiter „Bevor wir weitergehen möchte ich etwas über Sie wissen, wie z.B. wie viele Personen Sie beabsichtigen, in der Wohnung leben. Wie sind Sie? Was ist ihre Aufgabe?“. Hier wird der Künstler und auch der Leser stutzig – denn die Sprache ist offensichtlich durch Google-Translate stark verfremdet, wodurch sich die Bedeutung maßgeblich verschiebt. Lorenz Goldstein beschließt, dass seine Aufgabe die eines Dekorateurs sein könnte und schickt Herrn Fagerberg als Mailanhänge Bilder mit Vorschlägen für eine Umgestaltung. Zunächst sind dies Malereien für die Wände und schließlich ein Bild, in welchem er die vermeintlichen Wohnungsfotos in Malerei überträgt und überarbeitet. Herr Fagerberg jedoch lässt nicht von seinem Kommunikationsschema ab. Er scheint ein vorgefertigtes Manuskript zu haben, welches er mit Copy-and-Paste überträgt und geht in keiner Weise auf die Fragen und Vorschläge ein. Der einzige Ausbruch aus seinem System ist die Bitte, keine Bilder zu senden.

Thomas Fagerberg weiß genau, was er mit seiner Kommunikation erreichen möchte. Sein Sprechakt – wir sprechen hier von Sprechakt, da auch der Mailverkehr mit Sprache operiert – ist ein direktiver. Er versucht zielstrebig sein gegenüber durch seine Kommunikation dorthin zu manövrieren, wo er ihn haben möchte: Geld auf ein Konto zu überweisen. So ist sein Sprachhandeln an ein System gebunden und die Kommunikation ist zum Scheitern verurteilt, da der Künstler sich dem System nicht fügt. „Konversation I“ zeichnet ein Bild dieser gescheiterten Kommunikation und wirft auf humorvolle Weise Fragen auf, die uns alle betreffen, gehört doch Kommunikation zu den existentiellen menschlichen Prinzipien. Gerade auch die reduzierte Gestaltung mit der die Arbeit daherkommt, verleiht ihr Eingängigkeit. Im Fokus steht die Botschaft, die Gestaltung braucht kein Beiwerk, da die Kommunikation mit dem Betrachter hier unmittelbar erfolgen soll.

Darüber hinaus versucht die Installation auch, sich dem Verständnis des digitalen Raumes anzunähern und geht der Frage nach, wie sich dieser Raum visuell darstellen lässt. Die chronologische Anordnung der Arbeiten nach der Ordnung der Mailanhänge und der Schritt in die Räumlichkeit schaffen ein plastisches Bild, das dem Rezipienten auf der Metaebene eine Vorstellung des digitalen Raumes liefert. Es handelt sich quasi um einen Raum im Raum und eine Materialisierung des Digitalen. Denn die bildliche Ebene steht für Lorenz Goldstein bei dieser Arbeit trotz ihrer Konzeptualität im Vordergrund. Aus der klassischen Malerei kommend hat er mit „Konversation I“ ein eindrückliches Bild der Probleme zwischenmenschlicher Kommunikation geschaffen.

Anne Simone Krüger